GELB Finale!!!

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KAPITEL 11: UND NOCH EINE RUNDE

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Ich sitze auf diesem verdammten Free Fall Tower und habe eine unglaubliche Angst. Noch ist das Teil am Boden und aus einem unerfindlichen Grund habe ich keine Schuhe an. Das verstärkt meine Angst noch. Ich zittere und schwitze und warte darauf, was nun passiert. Ich schaue mich um, kann aber durch den wabernden gelben Nebel nichts erkennen. Ich beginne, die Farbe Gelb zu hassen.

Ich bin komplett festgeschnallt auf meinem Sitz. Keine Chance auf Flucht. Der Tower ist komplett schwarz. Alles in dieser düsteren Farbe gehalten, die so dunkel ist, dass sie unwirklich scheint. Und die Höhe. Ich verrenke meinen Hals, um diese unglaubliche Höhe sehen zu – und schieße unvermittelt in die Luft. Mein Magen presst sich zusammen und ich beginne vor Angst und Verzweiflung laut zu schreien. Das Teil rast mit einer unglaublichen Geschwindigkeit nach oben. Wind fährt mir schmerzhaft ins Gesicht und ich sehe überall den gelben Nebel. Auf einmal stoppt die Bahn. Ich befinde mich ungefähr in der Mitte des Towers. Ich schaue nach unten und mir wird übel. Ich muss jetzt schon über 70 Meter hoch sein. Ich versuche meine Atmung in den Griff zu bekommen und an etwas anderes zu denken, als ich mit voller Wucht runterschnelle. Ich muss mich übergeben, denn diesen freien Fall macht mein Magen nicht mit. So verabschiedet sich alles, was ich die letzte Zeit zu mir genommen habe, in den gelben Nebel und teilweise auf mich. Das ist mir aber total egal, denn ich rase mit voller Geschwindigkeit auf den Boden zu und das Ding macht keinerlei anstalten zu bremsen. Als ich mich schon zerschellen sehe wird abrupt gebremst. Fast muss ich schon wieder kotzen, aber ich kann es zurückhalten.

Nun bin wieder am Boden. Ich versuche, mich zu beruhigen. Versuche zu denken, dass alles nur ein beschissener Traum ist. Dass ich bald wach werde, alle meine Leute und mein Bruder wieder da sind und ich irgendwann über den beschissenen Traum lachen kann. Als ob der Free Fall Tower meine Gedanken lesen kann und mir zeigen will, dass es kein Traum ist, schnelle ich wieder nach oben. Ich kralle mich an der Armlehne fest und lasse es geschehen. Dieses Mal geht es ganz nach oben. Ich lasse sogar den Nebel unter mir und kann den Blick auf einen grünen Mond erhaschen, der mir eine riesen Angst einjagt. Das ist kein normales grün. Solch eine abartige Perversion dieser Farbe habe ich noch nie gesehen. Ich muss wegschauen, da ich sonst den Verstand verliere. Weiter ist am Himmel nichts zu sehen. Keine Sterne. Nur dieser nahezu blasphemische Mond. Das erste Mal seit einiger Zeit bekomme ich einen halbwegs klaren Kopf und überlege mir, wie ich aus der Nummer herauskommen kann. Tatsächlich habe ich eine Idee, die ich direkt in die Tat umsetze. “ICH WAR ES”, schreie ich. Wenn ich mich stelle, wird alles endlich enden. Es werden nicht noch mehr Menschen sterben. Natürlich kann ich selbst mir auch Schöneres vorstellen, als den Tod. Dennoch opfere ich mich, um die anderen zu retten. Wobei ich hoffe, dass der wirkliche Täter seine Strafe noch bekommt. Aber ich ertrage das hier alles nicht mehr.

Übergangslos befinde ich mich wieder am Bierstand. Vor mir stehen ein Bier und ein Schnaps. Der Barkeeper macht eine einladende Handbewegung in Richtung der Getränke und ich stürze beides hinunter.

 

KAPITEL 12: AUS DIE MAUS

 

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“Nein”, sagt der namenlose Barkeeper nur, als ich wieder etwas zur Ruhe gekommen bin. “Wie nein?”, antworte ich verdutzt. “Sie waren es nicht, mein Herr”, kommt die ruhige Antwort. “Woher wollen sie das wissen?”, frage ich ihn und schaue ihn dabei herausfordernd an. “Weil er es mir gesagt hat. Just in dem Moment, als sie sich stellten, mein Herr. Sie sind es nicht gewesen.” Ich gebe dem Barkeeper zu verstehen, dass ich noch ein Herrengedeck möchte und beginne grübelnd zu trinken. Er weiß, dass ich es nicht war. Gut. Dennoch hat die Fahrt hier für mich ein Ende. Vielleicht auch für die anderen. “Wo sind meine Leute?”, frage ich den Wirt. “Hier”, sagt der Wirt nur und auf einmal stehen alle meine Kumpels und sogar mein Bruder am Tresen. Ich renne zu meinem Bruder und nehme ihn in die Arme. Normalerweise wäre das uns beiden sehr unangenehm, aber in diesem Moment ist es genau richtig. “Was war mit Dir?”, frage ich ihn. “Du warst auf einmal nicht mehr da.” “Ich war von der Fahrt auf diesem Free Fall Tower so benommen und fertig, dass ich mich zuerst mal ausruhen musste”, kommt seine Antwort. “Egal, Hauptsache Du lebst”, sage ich und bin sehr glücklich über dieses Glück im Unglück. “Warum sind wir hier und nicht mehr auf diesen … mörderischen Fahrgeschäften?” frage ich den Barkeeper. “Er wollte euch einen Schrecken einjagen und schauen, ob der Mörder den Mut besitzt, sich zu stellen. Dem war leider nicht so. Sie sind der Einzige, der sich gestellt hat, mein Herr.” Alle schauen mich an. “Du hast Dich gestellt”, fragt Achim. “Warum hast Du das getan?” Ich erkläre allen, dass ich wollte, das alles aufhört. Dass ich lieber mein Leben opfern würde, als meine Kumpels alle sterben zu lassen. Alle schütteln die Köpfe, sehen mich aber bewundernd an. “Jedenfalls scheint es nun vorbei zu sein”, sage ich in die Runde und schaue den Wirt fragend an. “Ja”, bestätigt dieser, “es ist vorbei. Auf hoffentlich Nimmer Wiedersehen, meine Herren”, sagt der Wirt und unvermittelt sind wir wieder in Achims Wohnzimmer.

Ich schaue in die Runde und alle sehen verdutzt und fertig, aber auch unglaublich erleichtert aus. Wir sitzen zuerst einmal eine Weile sprachlos da. Achim ergreift schließlich das Wort: “Das war was”, meint er und lässt sich im Sessel zurückfallen. Wir stimmen ihm, stumm nickend, zu. Plötzlich füllt sich der Raum mit gelben Nebel. Wir schauen uns alle verängstigt an. Bevor jemand etwas sagen kann, ertönt Kasims Stimme aus dem Nichts: “ACHIM! Du bist ein böser und feiger Mensch. Du tötest aus niederen Gründen und würdest sogar deine Freunde sterben lassen, damit du unbeschadet davon kommst. Aber das lassen ich und der Gelbe nicht zu. Nun werden dir die Jahre genommen, die du mir genommen hast. Das gibt mir zwar nicht mein Leben zurück und auch nicht meine Freundin. Wegen ihr hattest du mein Auto manipuliert. Einfach erbärmlich. Aber genug geredet. Jetzt wird es Zeit für Taten.” Wir sind alle geschockt. Aber Achim steht die pure Panik ins Gesicht geschrieben. Unvermittelt werden seine Haare grau, seine Haut wird ledrig und alt. Seine Haltung ändert sich, wirkt verkrümmt. Er beginnt zu schreien. Aber das hilft ihm nichts. Er wird immer älter, blasser, schwächer und atmet schwerer. Seine Haut wird fast durchsichtig und man erkennt die Adern darin. Sein Blick wird glasig. Vor uns sitzt nun ein sehr alter Mann, der immer älter wird. “Entschuldigung”, ist das Letzte, was Achim röcheln kann, bevor er stirbt.

 

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Gelb – Kapitel 5-7

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Hey Leute,

da GELB echt gut ankommt, gibt es heute Nachschlag. Kapitel 5 bis 7.

Viel Spaß damit und Stay tuned

KAPITEL 5: DER HEIMWEG

 

Bundesrepublik Deutschland

Saarland

Frühling 1998

 

Wir verabschieden uns von dem Rest der Mannschaft, die noch vor Ort ist. Gerne würde ich noch mit Sandra reden, aber Melanie (ihre beste Freundin) erzählt mir, dass Sandra direkt nach dem Spanner-Ansturm (wie sie es nannte) nach Hause sei.

Achim (unermüdlich im Auftreiben von Alkohol) schaff es tatsächlich, uns noch Weg-Biere zu besorgen. Eine Kunst, für die wir ihm sehr dankbar sind.

Also begeben wir uns auf den müh- und alkoholseeligen Weg zu selbigem. Wir gehen unter sternenklarem Himmel und nehmen die vielfältigen Gegebenheiten einer angehenden Sommernacht nicht wirklich wahr. Grillen zirpen ohne unsere Kenntnis, Glühwürmchen sind im Paarungsmodus, die Nachtigall singt ihr Abendlied. Alles ohne uns.

Ich bin in ein Gespräch mit Julius vertieft (gewinnt Terminator gegen Robocop), als ich aufschrecke. Etwas ist vor mir und an dem angsterfüllten Blick von Julius sehe ich, dass er es auch sieht. Etwas gelbes schält sich durch die Dunkelheit. Etwas unangenehm gelbes. Etwas sehr dominantes und bedrohliches. Ich kann es nicht direkt zuordnen, da es mich blendet, obwohl ich nicht sonderlich hell angestrahlt werde. Und auf einmal ist es nicht mehr da. “Was war das”, frage ich Julius, der genauso ungläubig ausschaut, wie ich mich fühle. Ich merke, dass er darum ringt, weiter zu reden. Schließlich sagt er: “Alter, war das Kasim?”. Ich nicke nur stumm und wir gehen weiter. “Vorhin war er auch schon da”, nehme ich das Gespräch wieder auf. “Als du so merkwürdig drauf warst?”, fragt er mich. “Genau”, kommt meine Antwort. “Wie kann das sein”, fragt Julius mich, “ich meine, er ist halt”, “tot”, beende ich den Satz. Wir beschließen stumm, die anderen zu fragen, was sie sahen. Alle erzählen, dass sie etwas merkwürdiges gesehen haben, aber keiner kann es benennen. Mein Bruder kommt noch am nächsten daran als er meint, “das sah aus, wie ein gelbäugiger Türke”.

Nachdem  nicht viele die selbe “Eingebung” wie wir haben, beschließen Julius und ich, nichts mehr darüber zu sagen. So gehen wir unseren Weg still weiter.

“Scheiße” dröhnt es auf einmal an unsere Ohren. Alarmiert schauen wir auf, nur um dann zu vernehmen, dass Achim und Ralf kein Bier mehr haben. Nicht sonderlich enttäuscht von dieser Botschaft, setzen wir unseren Weg fort.

Wir beide (denke ich) versuchen uns abzulenken, indem wir uns wieder der “Robocop gegen Terminator” Sache widmen. “Alter”, beginne ich, “Robocop ist einfach der Hammer. Es gibt  nur einen und der schlägt jedem verdammten Terminator in die Flucht”. “Niemals”, kontert Julius. “Der Terminator kann durch die Zeit reisen und Robocop auf jeder beliebigen Zeitebene zerstören”. “Nein”, kommt es von mir. “Wenn dem so wäre, würde es, wenn überhaupt, nur einen Teil von Terminator geben”. “Wie?” fragt Julius. “Ganz einfach”, beginne ich, “wenn der Terminator genau dann da sein kann, wo er sein will, dann verhindert er alle Angriffe gegen ihn.” “Das ist doch absoluter Unsinn”, erwidert Julius, “ich mein, er…

Gleißend helles, gelbes Licht strömt direkt in meine Augen. Es tut so weh, als würde mir jemand tausend Nadeln in die Augen stechen. Der Schmerz hört nicht auf, sondern wird noch viel schlimmer und intensiver. Ein Gedanke entwickelt sich in meinem Kopf, doch ich kann ihn vor Schmerzen kaum greifen. Ich denke mir, dass sich so ähnlich eine Frau fühlen muss, die gerade ein Kind bekommt, als der Schmerz abrupt abbricht. Ich weiß nicht mehr ein noch aus. Was war das gerade? Wieder Kasim? Aber warum? Was soll das alles? Fragen über Fragen. Ich versuche, einen kühlen Kopf zu bewahren und sehe mich um. Meinen Leuten scheint es ähnlich gegangen zu sein wie mir, denn sie schauen alle sehr verängstigt drein.

“Was war das”, schreit Achim, der schlagartig wieder nüchtern zu sein scheint. Julius, Ralf und mein Bruder schauen ihn nur mit vor Angst geweiteten Augen an. Sie haben, genau wie ich, keine Ahnung, was das war.

“Was habt ihr gesehen”, frage ich in die Menge. “Gelbes Licht und Schmerzen”, antwortet mein Bruder. Die anderen nicken. Also hatten wir diesmal alle dieselbe Wahrnehmung. “Was soll das alles?”, beginnt Ralf leise zu sagen. “Wir haben doch niemandem etwas getan. Warum passiert uns das hier? Wir wollten doch nur eine schöne Zeit haben und jetzt das. Dieser Mist”, schließt er und lässt sich gegen einen Baumstamm fallen. Er ist fix und fertig. Genau wie wir anderen auch. Wir haben Angst und sind verunsichert. Gar keine schöne Kombination. Nach kurzem Durchatmen beschließen wir, weiter zu gehen und uns in die vermeintliche Sicherheit von Achims Wohnung zu flüchten.

Wortlos treten wir den Rest des Weges an, der glücklicherweise ohne Zwischenfälle daherkommt.

 

KAPITEL 6: DER ÜBERGANG

 

Bundesrepublik Deutschland

Saarland

Frühling 1998

 

 

Wir sind alle erleichtert, als wir bei Achim ankommen. “Setzt ihr euch schon mal hin, ich hole uns etwas zu trinken”, meint er. Gute Idee. Wir begeben uns auf die Couch und warten stumm, bis Achim wieder kommt. Nach ca. 5 Minuten erscheint er, mit einer schönen Flasche in den Händen, in der eine bräunliche Flüssigkeit schimmert. “Don Papa Rum”, meint Achim kurz angebunden. “Eigentlich wollte ich ihn für eine besondere Gelegenheit aufheben, aber ich denke, dass hier ist auch irgendwie eine besondere Gelegenheit”, fährt Achim fort. Er stellt die Flasche auf den Tisch, geht zum Schrank und nimmt 5 schön geschwungene Rumgläser hervor. Danach öffnet er die Flasche und schenkt jedem von uns ein Glas aus. Ich rieche an dem Rum und Vanille, sowie Honigaroma offenbart sich mir. Ein schöner Gedanke, nun endlich in Sicherheit zu sein und hochwertigen Rum zu genießen. Hoffentlich bleibt es auch so, denke ich bei mir. “Prost, auf die Farbe Gelb”, sagt Achim und hebt sein Glas. Ich finde, dass dies ein reichlich makaberer Trinkspruch ist, stimme aber dennoch ein. Die anderen wiederholen den Spruch auch und so trinken wir. Der Alkohol rinnt warm, süß und angenehm meine Kehle hinab. Ich habe das Gefühl, dass er meinen ganzen Körper erwärmt und auch ein Stück meiner Sorgen wegspült. Wie Kaffee mit Zauberwirkung. Den anderen geht es ähnlich, wie ich an ihren Gesichtern erkennen kann.

“In was sind wir da reingeraten”, fragt mein Bruder etwas mürrisch. Wir sehen uns alle fragend an, bis Ralf antwortet: “Ich habe absolut keine Ahnung. So etwas habe ich noch nie erlebt. Es erscheint so unwirklich und ich kann es nicht zuordnen”. “Mir geht es genauso”, ergreift Julius das Wort, “was war das? Wie kann so etwas sein? Und warum geschieht es gerade uns. Ich meine, haben wir irgendwem oder”, er stockt kurz, “irgendetwas auf die Füße getreten? Ich jedenfalls kann mich nicht daran erinnern”. Achim, sieht ihn verwirrt an und fragt schließlich: “was meinst Du mit irgendetwas”? “Nun ja”, fährt Julius fort, “das war ja wohl kaum irgendein Wetterphänomen oder so. Kein Wetterphänomen tut so weh, es sei denn, du wirst von einem verdammten Blitz getroffen. Und ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir von einem verdammten Blitz getroffen wurden”. “Schon klar”, meint Achim, “aber das heißt noch lange nicht, dass es etwas Übernatürliches war”.

“DOCH”, dröhnt eine dunkle Stimme aus dem Fernseher, der eigentlich ausgeschaltet ist. Alle Köpfe rucken Richtung des TV-Gerätes. Wir sehen einen schwarzen Bildschirm, in dem ein gelbes etwas schimmert, wie eine gelbe Rauchwolke auf schwarzem Himmel. Das Gelb erinnert mich schmerzhaft an die Geschehnisse im Wald. Keiner von uns ist imstande den Kopf vom Gerät abzuwenden, geschweige denn etwas zu sagen. Wir starren gebannt und warten, was als nächstes kommt. “Das was gerade mit Euch geschieht, ist etwas, was ihr Menschen als Übernatürlich bezeichnen würdet”, fährt die unangenehme, dunkle Stimme fort. “Die nächsten Jahre werden für Euch schnell vergangen sein. Aufgaben gilt es zu erfüllen. Einige oder alle von euch werden sterben. Und wir werden unseren Spaß dabei haben”. Die Stimme verstummt und es herrscht eine unangenehme Spannung im Raum und eine Stille, die so unnatürlich ist, wie die Stimme zuvor. Keiner sagt etwas, von uns ist noch niemand zum Reden fähig und die Stimme scheint alles gesagt zu haben, was es in diesem Fall zu sagen gibt. Meine Gedanken überschlagen sich. Warum werden die Jahre schnell vergehen… Welche Aufgaben werden wir erfüllen müssen?  Und sterben werden einige oder alle. Das macht mir eine unsagbare Angst. Es ist so surreal. Eben noch hatten wir einen schönen Abend auf einer Feier. Alles war normal. Und nun das? Mir wird schwindelig und etwas übel. Wir hängen alle unseren Gedanken nach, bis ich mich schließlich zu Wort melde. “Scheiße”, sage ich, “verdammte Scheiße. Was machen wir jetzt”? Es kommt keine Antwort. Keiner kann mit der Situation umgehen. Kein Wunder, denn wer hat so etwas schon mal erlebt. “Wir werden alle sterben”, schreit Ralf. Dann springt er auf und rennt aus dem Raum. Wir laufen ihm nach, bis er vor der Tür stehen bleibt, “ich will nicht sterben” schreit, und dann zusammenbricht. Achim ist direkt über ihm und versucht, ihn wieder aus der Ohnmacht zu reißen. Nach einigen Ohrfeigen und zureden kommt Ralf wieder zu sich. “Geht es wieder”?, fragt Julius. “Ja”, kommt die knappe Antwort. Ich für meinen Teil habe genug von diesem Tag. Ich beschließe, mich soweit zu betrinken, dass ich halbwegs einschlafen kann und dann zu Bett zu gehen. Ich teile den anderen meinen Vorschlag mit und sie tun es mir gleich. Wortlos trinken wir Glas für Glas an Rum und Flasche für Flasche an Bier. Ansonsten ist es still im Zimmer. Keiner möchte etwas sagen. Jeder ist in seinen eigenen Gedanken gefangen.

Schließlich macht sich der Alkohol soweit bemerkbar, dass ich den anderen mitteile, mich nun ins Bett zu begeben. Ich gehe ins Gästeschlafzimmer von Achim, ziehe mich aus und lege mich ins Bett. Ich schlafe ein, bevor mein Kopf das Kissen berührt.

Auf einmal befinde ich mich auf einer schwarzen Steinplatte. Ich sehe nichts. Es fühlt sich komisch an, anders als sonst. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll oder woran es liegt. Die Luft ist irgendwie falsch. Genau wie die ganze Atmosphäre dort, wo auch immer ich bin. Ich vermute, dass es sich um einen Traum handelt und beschließe, erst einmal nichts zu tun. “DEINE CHANCE IST SIEBEN” donnert eine Stimme in meinem Kopf. “SIEBEN”.

 

KAPITEL 7: DER GELBE JAHRMARKT

 

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Ich erwache. Ich habe starke Kopfschmerzen und meine Liegeposition ist äußerst ungemütlich. Als ich meine Augen öffne sehe ich nur Schwärze. Sonst nichts. Undurchdringliche Schwärze. Diese untermalt von dem schmerzenden Pochen in meinem Kopf. Wo bin ich hier? Anscheinend liege ich auf einem Steinboden, soweit ich das fühlen kann. Kein gemütliches Bett, kein kuscheliges Kissen und keine warme Decke. Was ist passiert? Wie komme ich hierher? Ich beschließe, mir meine “Behausung” etwas näher anzusehen, anzufühlen.

Ich versuche auf zu stehen und merke, dass ich noch sehr wackelig auf den Beinen bin. Also lasse ich mich wieder in eine sitzende Position nieder. Ich versuche zu überlegen, was als letztes passiert ist. Langsam kommen die Erinnerungen an das Fest zurück. Und die Erinnerungen an Kasim und die Geschehnisse im Wald, sowie bei Achim. Und mein Traum von letzter Nacht. Sieben ist meine Chance… Was soll das? Ich beschließe, noch eine Weile sitzen zu bleiben und mich zu regenerieren. Fünf Minuten oder auch zehn, ich weiß es nicht genau, sitze ich nur still da und konzentriere mich auf meine Atmung, um ruhig zu werden. Dann versuche ich einen zweiten Anlauf und stehe auf. Diesmal funktioniert es. Ich bin zwar immer noch nicht vollkommen sicher auf den Beinen, aber ich kann stehen bleiben und sogar gehen.

Es ist immer noch stockfinster und mein Kopf schmerzt. Ich gehe also langsam nach vorne und halte meine Hände tastend vor mich. Ich wundere mich darüber, wie groß dieser Raum oder diese Fläche ist. Ich kann eine ganze Weile gehen, ohne wieder etwas zu stoßen und zum Glück auch, ohne über etwas zu stolpern. Nach einer Zeit berührt meine Hand eine Mauer aus groben Backsteinen, wie ich vermute. Ich taste mich an diesen entlang, bis ich an eine Art Schalter gelange. Ein Schalter? Jegliche Art von Strom und sonstigen Annehmlichkeiten, hätte ich dieser Umgebung nicht zugetraut. Ich beschließe, den Schalter zu betätigen.

Dies führt dazu, dass mein Kopf noch mehr gequält wird, da plötzlich ein helles Licht den Raum beherrscht. Ich schließe die Augen und blinzle immer wieder, bis sich meine Sehwerkzeuge an die Lichtmassen gewöhnen. Als ich endlich etwas erkenne werde ich nicht schlau, aus der Umgebung. Ich stehe in einem kreisförmigen Raum aus Stein. Der Raum ist umgeben von einer steinernen Wand. Diese wird lediglich von einer Tür und dem genannten Schalter “verziert”. Ansonsten ist da nichts, außer…

Außer, dass der Raum keine Decke hat. Das ist mir gar nicht aufgefallen, weil er so hoch ist. Aber er hat keine Decke. Und so sehe ich einen schwarzen Himmel, der von etwas gelbem durchzogen ist, wie wenn man Zigarettenrauch aushaucht. Das gelbe wabert durch den schwarzen Himmel. Mir läuft es kalt den Rücken herunter. Es ist mir irgendwie zuviel Gelb in der letzten Zeit. Viel zu viel. Außerdem möchte ich wissen, wo ich bin. So gehe ich zu der Tür. Ich entdecke schnell, dass sie nicht abgeschlossen ist. Zuerst lausche ich, kann aber keine Geräusche ausmachen. Dann lösche ich das Licht, damit ich keine Aufmerksamkeit errege und mache die Tür einen Spalt weit auf. Ich schaue durch den Spalt und sehe einen Bierstand. Ich habe an diesem Ort alles erwartet. Einen Kerker, Folterinstrumente, Drachen, Elfen, was auch immer, aber keinen Bierstand. Ich öffne die Tür etwas weiter und sehe mich um. Es ist schwierig, genaueres zu erkennen, da der gelbe Nebel hier überall ist. Da ich keine Gefahr ausmachen kann, wage ich mich aus meinem Domizil heraus. Zuerst steuere ich auf den Bierstand zu. Komischerweise sieht dieser fast genauso aus, wie der auf dem damaligen Fest. Er ist aber verwaist. Niemand vor oder hinter der Theke. Ich gehe weiter und dann schält sich eine Berg- und Talbahn durch den gelben Nebel. Vielmehr sieht es aus, wie die Karikatur einer solchen. Das Grundprinzip ist geblieben, aber die ganze Konstruktion sieht bedrohlich und unangenehm aus. Es ist alles in schwarz gehalten. Keine andere Farbe ist auszumachen. Und ein Gefühl sagt mir, dass diese Bahn gefährlich ist. Nicht das Modell, das man von Jahrmärkten her kennt und Spaß darauf hat. Nein. Dieses Konstrukt sprüht geradeso vor Aggressivität. Das mag natürlich auch an meiner Stimmung, der Umgebung und meiner immer noch andauernden Verwirrung liegen, aber die Bahn macht mir Angst.

Da auch hier niemand zu sein scheint, “spaziere” ich weiter.

Das nächste, was durch den Nebel sichtbar wird, ist ein Riesenrad. Auch dieses ist komplett schwarz. Und auch von diesem geht dieses unheimliche Gefühl aus. Alles in mir schreit: “Steig ja nicht ein”!

Wenn ich mich nicht täusche, ist dieses Riesenrad auch um einiges höher, als seine Genossen auf der Kirchweih und ähnlichem. Es kommt mir wirklich hoch vor. Und wirklich gefährlich.

Ich bekomme eine Gänsehaut. Warum bin ich auf diesem… Jahrmarkt gelandet? Wo sind die anderen? Was soll ich hier? Wo genau befinde ich mich? Noch in Deutschland? Diese Fragen kreisen in meinem Kopf, während ich weitergehe.

Die nächste “Attraktion”, die ich erkenne, ist ein Free Fall Tower. Auch dieser ist komplett schwarz und seine Ausstrahlung steht der, der anderen Gerätschaften in nichts nach. Nichts und niemand würde mich dazu veranlassen, dieses Teil zu benutzen. Auch er ist unglaublich hoch. Mir schaudert es schon bei dem Gedanken, dort einzusteigen.

Ich bin bis jetzt im Kreis gelaufen, im Uhrzeigersinn, wenn ich mich recht erinnere. Vielleicht kann ich erkennen, wo ich bin, wenn ich mich hinter den Gerätschaften umsehe. Als ich zurück gehe erkenne ich, dass hinter den Attraktionen eine Mauer verläuft. Sie ist ähnlich hoch, wie die Wände in dem Raum, welchen ich anfangs besetzte und sehr glatt. Hier kann ich nicht eben mal darüber klettern. Da hat selbst ein Profi arge Probleme.

Also erkunde ich den … Jahrmarkt… weiter.

Neben dem Free Fall Tower steht ein Karussell. Ein klassisches mit Pferden… halt, das sind keine Pferde. Sie haben zwar die Körper von Pferden, aber die Köpfe sind grässliche Masken. Wie schmerzverzerrte menschliche Gesichter. Auf jedem Pferdekörper sitzt solch ein Menschenkopf. Alle schauen unterschiedlich aus, aber alle sind erfüllt von Schmerz und Angst. Ich muß mich kurz abwenden, da der Anblick einfach abscheulich ist. Als ich mich wieder beruhigt habe, nehme ich das Gefährt näher in Augenschein. Alles ist schwarz gehalten, wie bei den anderen auch. Die Pferdekörper sehen normal aus, wenn man das in diesem Kontext so ausdrücken kann. Die Köpfe sind von Frauen, Männern und Kindern allen alters. Teilweise fehlen Ohren, Augen, Nasen oder gar der halbe Kopf. Die Gesichter sind sehr detailreich gearbeitet und lassen die Qualen erkennen, die die Skulpturen wohl durchleben mussten. Jede einzelne sieht aus, als hätte man sie zu Tode gefoltert und ihnen unsagbare Angst gemacht. Ich gehe einmal um das Karussell herum und erkenne den Kopf von Ralf. Mein Herz setzt kurz aus, ich habe Schwierigkeiten zu atmen und mein Kopf droht zu explodieren. Wie kommt sein Kopf dahin? Ich bete zu Gott, dass dies nur ein makaberer Scherz ist und nichts mit Ralf zu tun hat. Mein Puls ist in bedrohlicher Höhe und ich bekomme noch mehr Angst, als ich vorher schon hatte. Diese Situation ist einfach zu bizarr.

Ich verstehe diesen Ort nicht, von dem es scheinbar kein entrinnen gibt, denn auch hinter dem Free Fall Tower und dem Karussell zeichnen sich die Mauern ab. Ich weiß nicht, wie ich hierher kam und was ich hier soll. Mir geht das Gesicht von Ralf nicht mehr aus dem Kopf und ich widme mich diesem wieder. Es sind exakt seine Züge. Bei näherem Betrachten erkenne ich, dass sein linkes Auge fehlt. Es ist einfach Weg und lässt nur eine schwarze Höhle zurück. Hoffentlich ist ihm nichts passiert. Ich bin überfordert und merke, dass ich beginne zu hyperventilieren.

“Möchten Sie ein Bier auf den Schreck, oder darf es gleich ein Schnaps sein”?, ruft eine Stimme aus Richtung Bierstand plötzlich.

 

Gelb, Kapitel 3 + 4

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Hey Leute,

da die ersten beiden Kapitel gut ankamen, gibt es nun das dritte und sogar vierte Kapitel von „Gelb“.

Viel Spaß damit:

KAPITEL 3: AUF ZUM FEST

 

Bundesrepublik Deutschland

Saarland

Frühling 1998

 

Mittlerweile haben wir neun Uhr abends und wir sind unterwegs zum Fest mit dem schwungvollen Namen “Tanz (oder Schwanz, wie wir scherzhaft sagen) in den Mai”.

Zum Glück ist es von Achims Wohnung aus nicht so weit zum Fest. Dennoch haben wir uns sicherheitshalber mit Weg-Bieren ausgerüstet, um allen Umständen trotzen zu können.

Das Wetter spielt fabelhaft mit. Wir können die Sterne klar am Himmel sehen, genießen die klare und natürliche Landluft und sind einfach gut drauf.

Wir schließen Wetten über die Schlafdauer von Achim ab, reden über die Dorfprominenz, die wir auf dem Fest erwarten, trinken unsere Weg-Biere und haben Spaß.

Das Weg-Bier fordert seinen Tribut und ich teile meinen Leuten mit, dass ich mal kurz für kleine Anacondas muss. So schlage ich mich durch die Hecken, knöpfe meine Hose auf und erleichtere mich. Ich schließe entspannt die Augen und freue mich auf den weiteren Abend. Auf einen Schlag fährt mir ein gelber Blitz durch die Sinne. Ich kann nicht recht erklären, wie es dazu gekommen ist. Aber ich fühle mich unwohl, ängstlich und schwach. Erschrocken reiße ich die Augen auf und Kasim steht vor mir. Kasim ist ein Türke aus unserer Umgebung. Keiner von uns hat etwas gegen ihn oder gar Ausländer an sich. Wir mögen alle Menschen, solange sie keine Arschlöcher sind. Leider ist Kasim ein Arschloch, aber vor allem ist Kasim tot. Er starb vor ca. einem Jahr bei einem Autounfall. Er fuhr und hatte ca. 3 Promille. Autobahn, auf die Gegenfahrbahn, in die Leitplanken und zack, tot.

Nun starrt er mich an und ich schaue ängstlich zurück. Seine Augen scheinen in mein innerstes vorzudringen und noch weiter. Ich frage ihn was er von mir will. Was zum Teufel er hier überhaupt macht, so als Toter. Er grinst mich an und sagt zu mir, dass ich sehr wahrscheinlich bald sein Schicksal teilen werde. Dann ist er verschwunden.

Ich muss mich jetzt ordnen. Ich nehme tief Luft, schließe erstmal meine Hose. Danach überlege ich, wie viel ich getrunken habe und wie echt diese Erscheinung somit in Wirklichkeit war. Ich weiß es nicht. Ich bin einfach noch zu verwirrt von dem Geschehnis und kann nichts richtig einsortieren. Ich beschließe, die Kasim Szene zu verdrängen und mit viel, sehr viel Alkohol wegzuspülen.

Ich gehe wieder zu den Jungs zurück. “Alter” kommt es von Achim, dessen Schlafbedarf wohl gedeckt ist, “du warst ziemlich lange weg. Hast du dich etwas spontan in dich selbst verliebt? Und dich begattet?” Alle lachen laut und auch ich versuchen einzustimmen. Es gelingt mir nur nicht ganz.

Den restlichen Weg versuche ich mich mit unnötigen Diskussionen abzulenken. Julius behauptet z.B.: ernsthaft, dass Scully gleich Akte X sei und Mulder nur Beiwerk. Ich frage ihn, ob es noch geht. Erkläre ihm, dass Mulder die ganze Serie ausmacht. Den ganzen Charme in die Serie bringt. Er bringt die Serie zum Leben und zum Leuchten. Er ist der scheiß Grund, aus dem die Serie läuft. Irgendwie lege ich meine ganze Verzweiflung, die ich durch Kasim erfahren habe, in diese Diskussion. Als könnte ich das Erlebte wegdiskutieren, wenn ich mich nur genug Mühe geben würde. Julius kontert mit dem Aussehen von Scully: “Sie ist so wunderschön. Ein Augenschmaus, total heiß. Sie spielt klasse und sie macht die Serie aus. Wusstest du, dass es eine Holy Church of Gillian Anderson gibt?”, fragt er mich.

“Es gibt bestimmt auch eine Holy Church of Achims Mutter” kontere ich, “aber nur weil die Alte passabel aussieht, macht sie noch lange nicht die Serie aus.” Achim schaut mich böse an und Julius scheinen weitere Argumente zu fehlen. Um ganz sicher zu gehen, setze ich nach “du kannst dir auch gerne Pornos mit tollen Schlampen anschauen, wenn du nur auf das Äußere stehst, aber das heisst noch lange nicht, dass diese Damen gute Schauspieler in einer scheiß Mystery Serie ersetzen können. Verstehst du?” Ich scheine die Diskussion für mich entschieden zu haben, denn Julius ist ruhig. Achim ist sowieso noch sickig auf mich und Ralf, sowie mein Bruder sehen mich mit stummen Vorwürfen an. Ich schaue ihnen nicht in die Augen, sondern gehe weiter.

Nach einiger Zeit stummen Gehens meldet sich mein Bruder zu Wort, der bisher erstaunlich still war. “Warum sind Titten geil?” höre ich ihn hinter mir sagen. Erschrockenes Gelächter stößt auf, traut man dem “Kleinen” doch gar nicht zu, sich mit der holden Weiblichkeit zu beschäftigen. “Das wirst du nie erfahren, wenn du nur mit Schwänzen spielst” gebe ich lachend zurück. Auch die anderen verfallen in schallendes Gelächter. Es geht mir wieder etwas besser.

Wir gehen den restlichen Weg gemeinsam in einer Reihe und plaudern noch etwas über die Sexualpartner meines Bruders, die Sexualpartner von Achims Mutter und die Sexualpartnerin von Ralf. Es werden gemütliches Spässchen gemacht und ich kriege mich allmählich wieder ein. Aber ganz vergessen kann ich das Erlebnis von vorhin nicht. Es bleibt wie ein dunkler Fleck in meinem Kopf zurück, ich kann daran reiben und putzen wie ich möchte. Ganz verschwindet er leider nicht. So leeren wir unsere Biere, genießen den schönen Abend und bringen unseren Weg zu Ende.

 

KAPITEL 4: DAS FEST

 

Bundesrepublik Deutschland

Saarland

Frühling 1998

 

Wir nähern uns dem Gelände der Festivität und werden direkt von den typischen Geräuschen begrüßt, die solch ein Ereignis mit sich bringt. Laute Musik, noch lauteres Lachen, leise Gespräche und der ein oder andere Schrei dringen zu uns herüber. Optisch wird das Dorfspektakel untermalt durch eine simple Lichtanlage und Lichterketten. Die Nase wird verwöhnt durch den Geruch von Bratwürsten und Schwenkbraten. Verpönt wird sie hingegen mit billigem Parfum und Schweißgeruch, der allzu tanzwütigen. Wir gehen das letzte Stück eine Anhöhe hinauf und kommen schließlich an. Vor uns breitet sich der Festplatz aus. Die eben schon erwähnte Lichtanlage beleuchtet die kleine Tanzfläche, die mit der typsichen Musik unserer Zeit beschallt wird. Da jung und alt sich hier tummeln, wird auf eine ausgewogene Mischung geachtet. Die allgegenwärtigen Bands wie Nirvana, The Offspring, Green Day, Blackeyed Blond und NOFX begeistern das jüngere Publikum. ACDC, Queen, Westernhagen und Co. hingegen lassen die älteren Gesellen auf der Tanzfläche abgehen. So wird gerockt, getanzt, gemoscht und gepogt. Ganz so, wie es sein soll. Weiter vorne erspäht man den zu erwartenden Bierstand und eine kleine Grillbude mit den genannten Bratwürsten und Schwenkbraten. In der Mitte entfachen sich Bierzeltgarnituren, auf denen schwatzende Leute sitzen, die keine Lust haben das Tanzbein zu schwingen. Wir gehen erst einmal zum Bierstand, da unsere Kehlen von der Wanderei etwas trocken geworden sind. “Die erste Runde geht auf mich” teile ich meinen Leuten mit, die glücklich über meine Spendierfreude sind. “Drei Bier und eine Milch” bestelle ich, was mir direkt das Gelächter meiner Leute einbringt und einen vernichtenden Blick meines Bruders. “Spaß. Vier Bier” setze ich hinterher und freue mich grinsend auf den kühlen Gerstensaft vom Fass. Runde um Runde werden wir lustiger und erzählen uns, inspiriert durch die anwesenden Gäste, den neuesten Tratsch. “Kevin ist beim Klauen erwischt worden”, meint Achim, “der Vollidiot hat nicht bemerkt, dass die ganze Zeit in Hausdetektiv in seiner Nähe war”. “Sandra hat schon fast das halbe Dorf durch, die alte Dorfmatratze” erzählt Julius uns belustigt und auch etwas erregt. Was wohl daran liegt, das besagte Sandra uns gegenüber sitzt. Bekleidet mit einem leichten Sommerkleid unter dem man zwar keine Unterwäsche ausmachen kann, aber dafür sonst alles, wofür man ohne Bedenken Eintritt zahlen würde. Geschichten und Anekdoten werden ebenso erzählt, wie diverse Klassiker. Wie fast immer an dieser Stelle erzählt mein Bruder seine Lieblingsstory von mir. Es geht hier um einen Abend oder besser gesagt, eine Nacht. In dieser Nacht, in der alles passieren konnte, ist etwas peinliches passiert. Ich war zuvor mit ein paar Kollegen ein paar Bierchen trinken. Dies wurde nach und nach zu einem Saufgelage. Endlich (wenn auch ohne Erinnerung wie) zu Hause angekommen, wechselte der Alkohol von meinem Magen ins Waschbecken der Küche meiner Eltern über. Leider floss er nicht ab, da sich auch noch andere erbrochene Dinge hinzugesellt hatten. So blieb mir nichts anderes übrig, als  mit der Suppenkelle die Spüle zu leeren und deren Inhalt wiederum in den Müll zu verfrachten. Soweit so gut. Leider hatte mein lieber Bruder die ganze Aktion mitbekommen und sich köstlich dabei amüsiert. Seitdem gehört die Geschichte zu seinem Repertoire und wird mindestens zweimal die Woche erzählt. Meine anfänglichen (naiven) Hoffnungen, dass die Geschichte irgendwann keiner mehr hören wolle, stellten sich als Wunschdenken heraus. Vielmehr entwickelte sie sich zu einem Klassiker, der immer gut ankam. Selbst schuld.

Egal. Mein Bruder erzählt die Geschichte und erntet damit seinen Ruhm für heute Abend. Ich entscheide mich währenddessen, etwas Rum zu ernten und bestelle mir einen solchen. Erstens wegen dem Wortspiel und zweitens, weil mir Kasim einfach nicht aus dem Kopf gehen will. Mittlerweile hat mein Hirn schließlich ein wenig Zeit zum Verarbeiten gehabt. Und anstatt es als alkoholgetriebene Halluzination zu verbuchen, will mein Hirn dem Gesehenen Glauben schenken.  Aber das macht absolut keinen Sinn. Tot ist tot. Und warum zur Hölle, sollte mir ein Toter beim Pissen zuschauen und dumme Sprüche reißen? Warum? Zumal ich zu seinen Lebzeiten nichts mit ihm zu tun hatte. Ich grübele weiter vor mich hin, als ich plötzlich eine weibliche Stimme neben mir höre. “Hi” haucht Sandra, die schon etwas angetrunken ist. “Hi” gebe ich zurück und mustere sie von oben bis unten. Lange blonde Haare umrahmen ein Gesicht, welches mich etwas an Kim Basinger erinnert. Diese fallen auf die Schultern, an denen rosa Spaghettiträger den Beginn ihres Kleides bilden. Das Kleid fällt über zwei freche kleine, aber feste Brüste. Dann weiter über einen flachen Bauch und einen atemberaubenden Po. An den Knien endet es und gibt somit den Blick auf ein tolles Paar Beine frei. Ich frage mich, wie so ein hübsches Ding sich so vielen (teilweise schmierigen, wenn man den Geschichten glauben schenken kann) Männern hingeben kann. “Möchtest du was zu trinken” frage ich sie, während ich sie angrinse. “Einen Sekt” gibt sie, ebenfalls grinsend, zurück. Ich bestelle ein Bier und einen Sekt und versuche, meine Leute mit Blicken und fahrigen Gesten zu verscheuchen. Anscheinend gönnen sie mir die liebe Sandra, denn sie verschwinden nach einiger Zeit. Wir hingegen verfallen ins Plaudern. Sie fragt mich nach meinem Job und lächelt amüsiert, als ich ihr erzähle, dass ich im Reisebüro arbeite. Ich versichere ihr allerdings, dass dies nichts mit meiner sexuellen Gesinnung zu tun hat, worauf sie schelmisch grinst. Sie arbeite als Krankenschwester, erzählt sie mir. Das löst direkt ein höchst erotisches Kopfkino in mir aus. Sie fragt mich, ob ich denn eine Freundin habe, was ich verneine. “Oh” meint sie “dann haben wir ja beide niemanden” und zwinkert mir zu. So vergehen Bier um Bier und Sekt um Sekt, bis ich mir schließlich ein Herz und ihr an den Hintern fasse. Die erwartete negative Reaktion bleibt zugunsten eines Lächelns aus und ich ziehe sie an der Hand in den Wald. Sie kommt mit. Abgelegen genug für mich bleibe ich stehen und sehe ihr lange in die Augen. Sie erwidert meinen Blick und ich küsse sie. Meine Hände gleiten an ihren Hals und weiter zu ihren Brüsten, wo sie verweilen. Ich massiere die Busen sanft, was ihr ein gurrendes Geräusch aus der Kehle entlockt. Ich lasse meine Hände weiter auf Erkundungstour gehen und meine Zunge ebenso. Schließlich fasse ich all meinen Mut zusammen und streife ihr das Kleid ab. Sie verhindert es nicht und so fällt das Kleid zu Boden… unter dem Gejohle meiner Freunde und meines Bruders. Anscheinend ist Sandra doch kein so leichtes und abgebrühtes Ding, wie man sich erzählt. Sie läuft rot an, streift sich schnell ihr Kleid über und rennt dann weg. Aber nicht ohne mir einen Blick zu schenken, der  mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Diesen Blick gebe ich an meine Leute weiter und das Lachen verstummt. “Dafür saufe ich den Rest des Abends umsonst, ihr Assis”, sage ich und gehe zum Bierstand. Meine Wut und mein Ärger weichen jedoch sehr schnell der Angst, als ich Kasim im Wald zu sehen glaube, der mich aus gelben Augen anstarrt. Ich schließe die Augen, öffne sie wieder und er ist verschwunden. Nun brauche ich erst recht das ein oder andere Bier und vielleicht auch noch den ein oder anderen Schnaps. Also auf Richtung Bar. “So Leute” sage ich, als wir ankommen, “wie wollt ihr das wieder gut machen?”. “Vielleicht treffen wir ja Achims Mutter noch”, meint Julius. Ein trockenes “Fick dich ins Knie” kommt von Achim. Ralf grinst und mein Bruder sieht mich komisch an. Fast so, als würde es ihm leid tun, dass mir die Tour vermasselt wurde. Da ich nicht nachtragend bin und auch meinen Spaß mit Sandra hatte (leider ohne Happy End) beschließe ich, mich endgültig dem Alkohol hinzugeben. Dieser lenkt mich zwar nicht ganz so viel von Kasim ab, wie Sandra, aber es genügte. Feuchtfröhlich geht der Abend weiter und langsam seinem Ende zu.

Wir beschließen, noch eine letzte Runde durch unsere Kehlen rinnen zu lassen. Achim geht diese an den Bierstand für uns erstehen.

Beim letzten Bier philosophieren wir über unser Leben. “Wo siehst Du Dich in 5 Jahren”, frage ich Ralf unvermittelt. Er überlegt kurz und gibt dann zurück: “Hoffentlich nicht mehr in Jane”. Alle lachen und dann beginnt eine Diskussion, die Ralf darin bestärken soll, Jane los zu werden.

Achim, der mit steigendem Alkoholpegel noch mehr dem Alkohol und minder dem Schlaf frönt, beschließt noch eine Runde zu organisieren. Leider ohne Erfolg. Es ist offiziell Feierabend oder Schicht im Schacht, wenn wir es beim saarländischen belassen. Kurz beraten wir uns. Uns stehen mehrere Optionen zur Wahl: nach Saarlouis fahren, leider hat niemand  mehr Geld für Taxi und / oder Kneipenbesuche. Wir könnte auch in den Ort und schauen, was dort noch machbar ist. Leider sind wir zu faul, weiter als nötig zu laufen. Nach langem Hin und Her entscheiden wir uns für die dritte Möglichkeite: per pedes zu Achim, der immer einen vor Bier strotzenden Kühlschrank zu bieten hat. Und vielleicht ist seine Mutter ja auch da. Los geht es.

 

 

Rezension Aetherhertz (Autorin Anja Bagus)

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Hallo Leute,

mit der heutigen Rezension begeben wir uns in die stimmige Welt des Steampunks. Wir befinden uns im schönen Baden-Baden und schreiben das Jahr 1910. Aether steigt aus den Gewässern auf und verändert die Menschen. Diese Veränderten werden ab nun Verdorbene genannt und von der Gesellschaft gemieden. Doofer Äther, möchte man nun denken. Jedoch dient diese neue Substanz auch bestens als Treibstoff für alle möglichen Gerätschaften und Vehikel, und als Waffe macht er sich auch nützlich.

In dieser veränderten Vergangenheit lebt unsere Protagonisten Annabelle Rosenherz. Das junge, intelligente und hübsche Fräulein hat es nicht leicht, denn ihr geliebter Vater ist verschwunden und soll für tot erklärt werden. Es gibt nun einiges an Hick Hack über das beträchtliche Erbe. Außerdem hat die Arme auch einen Makel, sie ist eine Verdorbene. Dazu im Buch aber mehr.

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Signiert ist es auch 🙂

Im Zuge der Erbangelegenheiten, lernt sie die Familie Falkenberg kennen. Die Söhne Paul und Friedrich, sowie deren Vater Peter.

Friedrich ist ein Blitzmann, er bekämpft Verdorbene (wenn nötig) und schützt so die Allgemeinheit. Er ist ein Draufgänger mit Herz und hat, durch ein Mißverständnis, eine Verabredung mit Fräulein Rosenherz, die jedoch in der „Friendzone“ endet.

Paul hingegen tut es dem Fräulein schon mehr an. Er ist eine Leseratte, ein Denker und auch ein Erfinder, der wundervolle mechanische kleine Lebewesen – mit Aether – zum Erwachen bringt. Er ist auf Annabelles „Wellenlänge“ und die beiden werden sich noch nahe kommen.

Annabelle kommt einer Mordserie auf die Spur, die mit Pralinen, Ganoven und verrückten machtgierigen Personen zu tun hat und das ganze Land bedrohen könnte. Zusammen mit Paul, Friedrich und weiteren Personen, macht sie sich daran, den Fall aufzuklären. Dabei wird es teilweise sehr gefährlich für unsere Helden und Spannung ist  garantiert.

Anja Bagus ist eine sehr nette und sympathische Autorin. Genau aus diesem Grund wollte ich einmal ein Buch von ihr lesen. Wir hatten auf der FaRK eine gemeinsame Lesung, welche sehr lustig war und seitdem spukte es in meinem Kopf herum, ein Exemplar von Aetherhetz meines zu nennen und zu rezensieren.

Ich bin sehr schnell in diese tolle und atmosphärische Welt eingedrungen. Man spürt, dass Anja ein absoluter Steampunk Fan ist, da die Geschichte wirklich stimmig und auch romantisch ist. Romantik ist normalerweise nicht so ganz mein Ding, gehört aber in meinen Augen zu Steampunk dazu. Anja hat es sehr schön in Szene gesetzt. Man fühlt sich schnell wohl und ist dann mittendrin.

Neben dem schönen Baden-Baden, lernen wir auch den finsteren Schwarzwald kennen, der unseren Helden einiges abverlangen wird. Auch hier haben wir eine tolle Stimmung und eine zum Greifen dichte Atmosphäre des Unbehagens. Toll geschrieben!

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Ich finde Anjas Schreibweise sehr klar, deutlich und verständlich. Es gefiel mir sehr gut, mich von ihr durch die Geschichte leiten zu lassen und diese tolle Welt erleben zu dürfen. Der Roman ist eine Mischung aus Steampunk (was sonst), Romantik, Krimi und Thriller. Eine Mischung, die mir sehr zusagt.

Manche Szenen sind wirklich überwältigend geschrieben. Da kam ich mir teilweise vor, wie im Kino. Solche Szenen sollte man viel öfter lesen dürfen, denn sie machen ein Buch aus.

Kleinere Abzüge bringen die Perspektivenwechsel in den Kapiteln, die Anja gerne mal vollzieht und die Tatsache, dass manche Nebencharaktere sehr stereotypisch sind. Diese marginalen „Kratzer“ machen dem Buch jedoch nichts aus.

Mein Fazit: Wer in eine tolle und stimmige Welt eintauchen möchte, ist hier richtig. Wer gerne Krimis liest und sich ein bisschen für Liebe und Romantik erwärmen kann, ist hier richtig. Wer auf gute deutsche Autoren steht, ist hier richtig. Wer einfach nur gerne liest und eine tolle Zeit haben möchte, ist hier richtig. Außerdem erlebt der Leser die Entstehung des Amtes für Aetherangelegenheiten!!!

 

Stay tuned